Deutsche Meisterschaft 2017

Unser Top Schiri Olli hat den Hype des Vorjahres gut verkraftet, hat konzentriert, ruhig und sachlich weiter gearbeitet und wurde letzte Woche mit seinem zweiten Einsatz bei den Deutschen Meisterschaften in Bielefeld belohnt. Wir haben den Schiri, der mit dem neuen Deutschen Meister eine Gemeinsamkeit teilt, getroffen und mit ihm hinter die Kulissen seiner Arbeit geschaut.

Game of Thrones

Der deutsche Badminton Rekord-Champion Marc Zwiebler (32, 9 x Deutscher Meister, klopfte Olli 2016 auf die Schulter wurde am Sonntag von Fabian Roth (21) entthront. Der neue Meister spielt aktuell für den Tabellenführer der Bundesliga, den TV Refrath. Eine Woche vor der Deutschen Meisterschaft gewann das Team aus Refrath (Bergisch Gladbach, NRW) in München gegen den TSV Nymphenburg-Neuhausen mit 6:1. Roth präsentierte sich bereits in Neuhausen stark, gewann sowohl das erste Herreneinzel, als auch das erste Herrendoppel der Bundesliga-Partie (Match bis 11 Punkte, 3 Gewinnsätze).

Mir war nach dem Spiel in München schon klar dass er das packt.

Olli wechselte mit dem Badener Roth nach dem Spiel in München noch ein paar Worte: „Ich habe ihm erzählt dass ich meinen ersten Einsatz als Schiedsrichter in Neusatz bei seinem Bruder hatte.“ Olli saß dabei bei einer Partie des Regionalliga Teams der Badminton Sportfreunde Neusatz-Bad Herrenalb auf dem Stuhl. Dort begann auch Fabian Roth seine Badminton Karriere, die er nun bereits früh mit der Deutschen Meisterschaft krönte: Mit 17:21, 21:19 und 21:17 gewann er das Finale in Bielefeld gegen Zwiebler. „Mir war nach dem Spiel in München schon klar dass er das packt. Ich wollte es ihm aber nicht sagen“, verriet uns Olli.

Neben Fabian Roth gewann mit Carla Nelte eine weitere Spielerin des TV Refrath in Bielefeld die Meisterschaft. Gemeinsam mit Isabel Hettrich gewann Nelte das Damendoppel ohne einen Satzverlust. Über seine Begegnung mit Nelte beim Match oft the Day am Freitag, weitere Highlights des Turniers und über das bevorstehende Treffen mit dem vielleicht besten Spieler aller Zeiten, mit Lin Dan, haben wir mit Olli ausführlich gesprochen:

Top Schiri Interview

BVM: Zu Beginn gleich die Frage, die jeden interessiert: Wie war’s?

Oliver: (Oliver lacht) Sensationelles Turnier, riesige Halle, geile Spiele, tolle Organisation, super Kollegen, das Arbeiten war klasse mit allen zusammen. Tolles Turnier! Bombe!

BVM: Was waren deine Highlights als Schiri und als Fan bei dem Turnier?

Oliver: Als Fan natürlich das Herreneinzel Finale. Fabian Roth gegen Marc Zwiebler. Sensationelles Spiel von beiden. Fabian hatte glaube ich das Spiel seines Lebens. Unfassbare Ballwechsel, unfassbar wie fokussiert er auf dem Feld war. Richtig geiles Spiel. Das war als Fan natürlich sensationell!

Als Schiedsrichter die Highlights? Klar, natürlich das Finale im Mixed, für welches ich nominiert wurde. Gleich das erste Spiel des Finaltages. Ich war natürlich etwas aufgeregt. Kameras überall. Den Einmarsch gerade noch geübt und als Erster den dann präsentieren auf dem Spielfeld mit Mikrofon und nicht mit lauter Stimme. Das heißt mit der normalen Lautstärke, mit der ich sonst rede hätte ich da die Lautsprecher zum Einsturz gebracht. Da muss man sich schon ein bisschen umstellen.

Die Spiele davor: Am Freitag hatte ich in der dritten Runde das „Match of the Day“, Damendoppel, die späteren deutschen Meisterinnen Isabel Herttrich und Carla Nelte gegen Alicia Molitor und Vanessa Seele. War eine klare Angelegenheit für die beiden, aber schön zu sehen, wie die jungen Spielerinnen alles gegeben haben. Und natürlich auch cool im Halbfinale wieder mit Marc Zwiebler auf dem Feld, wie letztes Jahr im Halbfinale. Und auch wieder gegen Alexander Roovers. Sensationelles Spiel. Dieses Mal hat mir Marc nach dem Spiel nicht auf die Schulter geklopft wie im letzten Jahr und ich musste auch nicht ganz so viele Bälle knicken. Waren dieses Mal nur 14 Bälle statt zwei ganzen Rollen.

Sonstige Highlights: Im Prinzip war von allem was dabei. War in jeder Disziplin aktiv, musste aber keine Karten verteilen und keine besonderen Situationen lösen. War sehr fair alles.

Foto: Sven Heise. Vielen Dank! – Mixed Finale mit Olli auf dem Thron

BVM: Und wie kam deine großartige BVM-Wahlmünze bei den Spielern an?

Oliver: Naja: Ich war 13 Mal als Schiedsrichter aktiv, das heißt ich habe 13 Mal die Wahl durchgeführt und 13 Mal wurde der Federball gewählt. Niemand hat das BVM-Logo gewählt. Ich weiß nicht mehr wie oft das Logo dann tatsächlich gekommen ist. Zumindest Carla Nelte hat im „Match of the Day“ am Freitag gefragt, was das für ein Logo ist. „BV Mühlheim“? Worauf ich antwortete „nein, BV Mühlacker!“. Ich glaube sie fand es cool.

BVM: Du hast gerade schon deine erste DM aus dem vergangenen Jahr erwähnt. Da gab es auch Verbesserungsvorschläge an dich, unter anderem dass du lockerer im Stuhl werden sollst. Wie konntest du das im Laufe des Jahres und jetzt bei deiner zweiten DM umsetzen?

Oliver: Ja, sensationelle Frage! Ganz stark. Zum einen: Ein Feedback in die Richtung Lockerheit habe ich dieses Mal nicht bekommen. Es waren auch andere Referees, die mich vorher nicht kannten, die wahrscheinlich auch die Berichte in der Zeitung damals nicht gelesen haben. Insofern haben die zumindest darauf keinen Bezug nehmen können. Gefühlt würde ich sagen war ich auf jeden Fall lockerer. Die Nervosität, die ich im vergangenen Jahr teilweise noch hatte war dieses Mal gar nicht da, außer eben im Finale mit Kamera, Mikrofon usw. Aber ansonsten habe ich mich wesentlich entspannter gefühlt. Ich habe ja auch in den letzten zwei Wochen vor dem Turnier einige Spiele gehabt in der 2. Bundesliga in Schorndorf und auch einen Bundesliga Einsatz in Neuhausen. Da kommt eine gewisse Lockerheit auch noch dazu.

BVM: Und welche neuen Erkenntnisse brachte das Turnier für dich, wie sah das Feedback am Ende des Turniers aus?

Oliver: Das Feedback war positiv von den Referees und auch vom Schiedsrichterkollegen, der in vier Wochen dann bei der internationalen Lizenz im Prüfungskomitee sitzen wird. Spezielle Dinge wurden da jetzt nicht herausgehoben sondern nur allgemein eine gute Arbeit attestiert.

BVM: Du hast bei deinen Highlights schon den Einsatz im Mixed Finale angesprochen, den du dir während des Turniers erarbeitet hast. Wie viele Mitbewerber gab es um den Platz auf dem Stuhl? Und wer entscheidet, wer im Finale zum Einsatz kommt?

Oliver: Insgesamt waren wir 18 Schiedsrichter. Das sind die beiden Referees (Anm. d. Red.: Klaus-Michael-Becker und Petra Schönborn) die das am Ende entscheiden. Von den 18 Schiris sind am Ende zehn im Finale: Fünf als Schiedsrichter, fünf als Aufschlagrichter. Betont wurde immer, dass es letztendlich alle machen könnten, dass alle Schiedsrichter für das Finale bereit gewesen wären. Es sind dann vermutlich Kleinigkeiten. Ein Grund war möglicherweise, dass der Lehrgang zur internationalen Lizenz bevorsteht. Im Finale waren dann als Schiedsrichter auch nur solche mit internationaler Lizenz oder angehender internationaler Lizenz im Einsatz.

BVM: Und wann hast du erfahren dass du im Mixed auf dem Stuhl sitzt und wie fiel deine Reaktion aus?

Oliver: Also ich habe am Samstagabend schon erfahren, dass ich auf jeden Fall einen Finaleinsatz bekommen werde. Es war aber noch unsicher ob als Schieds- oder als Aufschlagrichter. Und tatsächlich erfahren dann am Sonntagmorgen, es wird so halb elf gewesen sein, nach dem morgendlichen Briefing und Fotoshooting. Da hat dann jeder einen Zettel bekommen mit seinen Einsätzen und da stand dann gleich hinter meinem Namen ein „S“ für Schiedsrichter im ersten Spiel. Da habe ich mich natürlich riesig gefreut. Zum Zweiten kam dann auch gleich so dieses „Krass, das erste Spiel! Wow! Huh! In einer halben Stunde geht’s schon los. Oje!“. Ich glaube es wäre nicht anders gewesen beim zweiten oder dritten Spiel, aber so war die Vorbereitungszeit natürlich relativ kurz. Danach habe ich mich mit der Situation vertraut gemacht. Einfach nochmal geschaut wie die Situation am Feld ist, mit den Kameras usw. Alle Dinge nochmal durchgegangen die wichtig sind und dann ging’s einfach los.

Foto: Sven Heise – Olli vor der Kamera

BVM: Du hast bereits das Briefing angesprochen. Wie läuft so ein Wettkampftag bei der DM hinter den Kulissen ab?

Oliver: Die Schiedsrichter waren auf vier Hotels verteilt. Wir waren sechs Schiedsrichter im Hotel, haben gemeinsam gefrühstückt, dabei die Dinge des Vortags besprochen und was heute auf dem Programm steht. Dann ging es in die Halle. Das Turnier begann außer am Finaltag immer um zehn Uhr. Am ersten Tag hatten wir um neun Uhr Briefing. Das ging am ersten Tag etwas länger, weil auch allgemeine Themen zum Turnier besprochen werden. Zum Beispiel wie sich die Referees bestimmte Dinge vorstellen. An den anderen Tagen war das Briefing um 9:20 Uhr. Da spricht man dann meist darüber, was am Vortag gewesen ist, was einen erwartet, welche Änderungen es gibt, beispielsweise dass ab dem Halbfinale Linienrichter dabei sind, dass dann der Einmarsch anders stattfindet, mit anderem Meeting-Point und dass Einlaufkinder dabei sind.

Danach geht es dann aufs Feld. An den ersten Tagen 18 Schiedsrichter auf sechs Feldern. Zwölf im Einsatz, die anderen haben Pause. Wir haben einen abgetrennten Bereich für uns gehabt. Und dann gibt es ein Rotationssystem, das heißt man ist oben auf dem Stuhl, hat dann zwanzig Minuten Pause, ist unten auf dem Stuhl als Aufschlagrichter und hat dann etwa fünf bis zehn Minuten Pause. Außer im Halbfinale und Finale, wo dann eben die Schiedsrichter gesetzt sind.

Das Turnier war an den ersten Tagen immer gegen 21 Uhr zu Ende. Wir sind dann kurz ins Hotel und danach noch ins Restaurant, wobei an allen Tagen alle dabei gewesen sind. Aber da ging es meist um andere Themen. Klar spricht man über bestimmte Situationen, besondere und witzige Geschichten die am Feld vielleicht passiert sind und gibt sich gegenseitig ein bisschen Feedback. Aber hauptsächlich spricht man über Privates und Erlebnisse von vergangenen Turnieren. Die Nachbereitung ist dann aber am nächsten Tag im Briefing.

BVM: Deine zweite DM war gleichzeitig die Vorbereitung für die Yonex German Open. Ein internationales Top-Turnier mit den ganz großen Superstars: Lin Dan! Chen Long! Und Oliver Sperandio oben auf dem Stuhl. Wie behält man da die Nerven, wenn solche Spieler auf dem Feld stehen?

Oliver: Das wird durch die internationale Lizenz eine ganz andere Sache. Zum einen weil man natürlich unter ständiger Beobachtung steht. Bei den Deutschen Meisterschaften ging es nur ums Turnier. Bei den German Open eben auch um die internationale Lizenz, die man dort erringen kann. Wie es dann vor Ort abläuft weiß ich noch nicht so genau. Es wird natürlich alles nochmal ein bisschen größer als in Bielefeld. Die Halle ist größer, mehr Zuschauer sind da, die Spieler stehen in der Weltrangliste ganz oben, eben viele Stars, die man bisher nur aus Videos kennt.

Ich habe gehört dass im letzten Jahr bewusst Lehrgangsteilnehmer auf Spiele mit Stars wie zum Beispiel Lin Dan gesetzt wurden. Wäre natürlich aufregend wenn das dieses Jahr wieder passiert. Ich nehme natürlich jedes Spiel. Wie das insgesamt bei so einem Turnier dieser Größenordnung abläuft weiß ich noch nicht. Aber viele Dinge, die man vor der Spieleröffnung erst am Spielfeld macht, passieren dann schon vorab hinter den Vorhängen, wie beispielsweise das Prüfen auf paareinheitliche Kleidung oder erlaubte Werbung auf den Trikots.

BVM: Aber du fühlst dich insgesamt gut vorbereitet?

Oliver: Ich bin bereit!

BVM: Bei den German Open hast du dann die Chance auf eine internationale Lizenz. Wie geht es mit einer solchen Lizenz dann weiter?

Oliver: Also diese Lizenz ist die erste aller internationalen Lizenzstufen: Die internationale Lizenz die vom Deutschen Badmintonverband vergeben wird. Damit darf ich bei internationalen Turnieren, die in Deutschland stattfinden aktiv sein. Aber auch nicht bis zum Finaltag der German Open oder Bitburger Open, sondern nur bis inklusive Achtelfinale. Ab dem Viertelfinale sind dann nur noch die Schiedsrichter mit einer „BE“ (Anm. d. Red.: Badminton Europe Lizenz) oder höheren Lizenz aktiv. Außer bei Jugendturnieren wie den Yonex German Juniors in Berlin. Da dürfte ich dann auch bis zum Finale teilnehmen. Dazu kommt dass man dann auch für Länderspiele in Deutschland nominiert werden kann.

BVM: Das bedeutet, dass du samstags während des Halbfinales der German Open am Verbandsrundenspieltag des BVM als Spieler dabei sein wirst?

Oliver: Ja klar. Der Lehrgang geht nur inklusive bis Donnerstag. Danach werde ich wieder abreisen.

BVM: Stark! Was für eine Badminton-Woche! Zum Abschluss noch die Frage, was Jugendliche mitbringen sollten, die eines Tages in deine Schiri-Fußstapfen treten wollen?

Oliver: Ich glaube es ist eher andersrum, dass das Schiedsrichter-Sein eher der persönlichen Entwicklung weiter hilft, gerade was das Thema Entscheidungen treffen angeht, ohne lange überlegen zu können. Die Entscheidung muss sofort getroffen werden. Das ist eine der wichtigen Dinge die man dadurch lernen kann und muss wenn man erfolgreich sein will. Ansonsten braucht man natürlich eine gewisse Ruhe, man benötigt Regelkenntnisse, sollte bestenfalls auch selbst spielen um sich im Spiel besser zu Recht zu finden und natürlich auch Lust auf diese Aufgabe haben. Mit dieser Aufgabe geht eine besondere Verantwortung einher. Man muss das ja nicht so extrem betreiben, es reicht ja auch die „regionale Lizenz“. Aber ich denke wer sowas macht sollte auch Bock darauf haben.

BVM: Gibt es für dich Vorbilder im Schiedsrichterwesen?

Oliver: Es ist immer schön von erfahreneren Kollegen zu lernen und zu sehen wie diese Situationen angehen. Gerade jetzt beim Turnier Michael Pütz, der auch mein Prüfer in Mühlheim sein wird und die BE-Lizenz hat, hat das Finale von Fabian Roth gegen Marc Zwiebler geleitet. Auch wenn es keine besonderen Vorkommnisse gab war es schön zu sehen, mit welcher Ruhe und Ausstrahlung er das gemacht hat. Geprägt wurde ich aber ganz klar von Hans Krieger, meinem Mentor in Baden-Württemberg. Ich bin sicher dass ich auch einiges von ihm übernommen habe durch die intensive Ausbildung, die ich bei ihm genossen habe. Generell ist es immer schön bei Turnieren erfahrene Schiedsrichter zu sehen und mit ihnen zusammen zu arbeiten. Davon kann man immer lernen und profitieren.

BVM: Dann noch zwei private Fragen: Auf welche Seite würde eigentlich deine Wahl als Spieler beim Münzwurf fallen?

Oliver: (Oliver lacht) Ich selber wähle natürlich immer das BVM-Logo.

BVM: Und welchen Pizzabelag würdest du bevorzugen: Schinken und Rucola oder Brezeln und Leberwurst?

Oliver:  Brezel und Leberwurst gehören auf jede gute Pizza!

BVM: Alles klar Olli! Das war hoffentlich nur das erste kurze von vielen weiteren Interviews. Vielen Dank Olli!

Oliver: Jahaha! Danke auch!

Sven Heise Fotos

Wie im Vorjahr wurde Ollis Auftritt in Bielefeld vom bekannten Badminton Fotograf Sven Heise festgehalten. Svens Arbeit wird regelmäßig im Badminton Online-Magazin Badzine veröffentlicht. Einen Turnierbericht von Sven gibt es auf der BWBV Homepage (BWBV Bericht). Weitere Infos und spektakuläre Fotos von Sven findet ihr außerdem auf seiner Homepage (badmintonfotos.de) sowie in seinem Fotoarchiv (badmintonfotos.smugmug.com). Vielen Dank Sven!